Sichtbar & Selbstbestimmt: Einladung zu einer selbstorganisierten Betroffenengruppe zum Thema sexuelle/sexualisierte Gewalt & Vergewaltigung

Lange drüber nachgedacht, alles ganz schön komplex, ziemlich aufregend, aber bäm! Wir wagen uns jetzt: Wir laden euch herzlich zu einer selbstorganisierten Diskussionsgruppe für Betroffene ein!
In einem offenen Austausch, teils gestützt auf Textausschnitten, möchten wir uns als Menschen, die sexuelle Gewalt* und/oder Vergewaltigung* über-/erlebt* haben, damit auseinandersetzen, wie Gesellschaft über Vergewaltigung spricht, wie sie mit „Opfern“ und „Tätern“** umgeht.
Denn: Vergewaltigung ist nicht einfach ein individuelles Ereignis oder eine neutrale Beschreibung eines Straftatbestandes. Vergewaltigung, und die Angst davor, mit der Menschen (vor allem „weiblich“!) sozialisiert werden, ist gleichzeitig eine Einführung in gewaltsame Geschlechterverhältnisse, und die stetige Aufrechterhaltung von patriarchalen Kontrollmechanismen.
In fest verankerten und meist vereinfachten Rollenbildern werden Täter** schnell zur gesellschaftlichen Projektion für alles Böse, und Überlebende in die Rolle des fragilen, unmündigen und ewig zerstörten Opfers verwiesen.
Wer als „vergewaltigbar“ gilt, wem geglaubt wird, hat viel mit rassistischen Strukturen und einem Klassendenken zu tun, ob eine Person Kind oder erwachsen ist – und auch damit, ob die Person als „Frau“ durchgeht: Eine weiße Cis-Frau aus der Mittelklasse zum Beispiel hat historisch und auch gegenwärtig eine sichtbarere Position als Trans-/Inter-Personen, nicht-binäre Menschen, Menschen of Colour – und auch sexualisierte Gewalt gegenüber bzw. Vergewaltigung von Cis-Männern wird gesellschaftlich meist ausgeblendet.
Wir begreifen diese gesellschaftlichen Bilder, die strukturelle Dimension, als Teil unserer Gewalterfahrung.
Wie mächtig diese sind, zeigt sich auch darin wie schwer es uns fällt (auch in feministischen und queeren Kreisen), öffentlich und kollektiv über sexuelle Gewalt bzw. Vergewaltigung zu sprechen.
Für uns braucht es eine politische Auseinandersetzung, damit betroffene Personen sich Räume erkämpfen, Sichtbarkeit und Komplexität schaffen, ein selbstbestimmtes Sprechen und eine selbstbestimmte Sprechposition finden können, in der wir nicht irgendwelchen Vorstellungen von Überlebenden entsprechen müssen.
Auf keinen Fall möchten wir den Eindruck erwecken, die „persönliche“ Ebene sei uns unwichtig, und wir möchten abstrakt über „das Politische“ reden – dazu hängt Beides zu eng zusammen. Was wir jedoch nicht leisten können, oder was nicht Ziel dieser Einladung ist, ist eine individuelle Beratung und/oder die therapeutische Aufarbeitung von Gewalterfahrungen. Für unsere Gruppe werden wir natürlich versuchen, uns in Diskussionen aufzufangen und füreinander da zu sein.
Unsere Idee ist es, sich als selbstorganisierte Gruppe regelmäßig im 2-3 Wochen-Rhythmus zu treffen. In einer ersten Phase möchten wir basierend auf Texten/Textausschnitten Werkzeuge finden, um gewaltvolle Strukturen zu benennen, mit denen wir uns in dieser Gesellschaft konfrontiert sehen. Es handelt sich also weniger um einen klassischen Lesekreis; wir nutzen Texte als Ausgangspunkt um unsere alltäglichen Erlebnisse zu diskutieren. Diese erste Zeit bereiten wir zwei Einladenden vor, und freuen uns auf eure Anregungen. Danach fänden wir es prima, gemeinsam zu überlegen, ob und wie wir uns als selbstorganisierte Gruppe weiterentwickeln können und auf welche Projekte wir Lust haben. Vielleicht werden wir dann eine Screamcore Gruppe, bieten Workshops auf feministischen Festivals an, machen eine Kunstausstellung oder gestalten ein Zine? – Wer weiß! Dabei kannst du natürlich jederzeit entscheiden, ob du dich in der Gruppe wohlfühlst und dir weiter eine kontinuierliche Auseinandersetzung wünschst.
Die Einladung richtet sich an „all gender“, also an Menschen aller (oder keines) Geschlechts/Geschlechter. Wir wünschen uns, feministische Perspektiven zu teilen, die sensibel sind für alle Formen von Unterdrückung, und nicht ausklammern, dass es auch unter Betroffenen verschiedene Privilegien gibt.
Die ersten Termine:
Mo, 7.10 Kennenlernen in der adi (Georg-Schwarz-Straße 19)
Mo, 21.10. Treffen in der adi (Georg-Schwarz-Straße 19)
Mi, 6.11 Treffen in der Rosa-Linde (Demmeringstraße 32)
Jeweils um 18 Uhr
Ihr fühlt euch von diesem Text erschlagen? Wir auch! Ihr seid euch nicht sicher, ob dies der richtige Zugang ist oder habt offene Fragen? Dann schreibt uns richtig gerne! Lass uns auch wissen, wenn ihr einfach direkt dazustoßen möchtet, damit wir wissen, wie viele Menschen es ungefähr werden.
Email: selbstorganisiert-asl@riseup.net
Unsicher, aufgeregt und vorfreudig!
L. und J.
*Zur Sprache: Da es wichtig ist, dass Betroffene Menschen die für sie passende Begriffe selbst wählen können, mit denen sie ihre Erlebnisse beschreiben (z.B. „überleben“ oder „erleben, „sexualisierte“ oder „sexuelle“ Gewalt) verwenden wir des Öfteren mehrere Formen oder wechseln ab, wobei es sicher noch viel mehr Benennungen gibt, die hier hinzugefügt werden könnten. Auch möchten wir an dieser Stelle problematisieren, dass der Begriff Vergewaltigung und was darunter gefasst wird im Strafrecht sehr einschränkend definiert und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung stark aufgeladen ist. Dies hat mieserweise nicht unbedingt etwas damit zu tun, wie oder ob eine betroffene Person Erlebtes als Vergewaltigung definiert – was aber unser Meinung nach ausschlaggebend ist.
** Hier bewusst „Täter“, weil die gesellschaftliche Vorstellung einer übergriffigen/vergewaltigenden Person fast durchgehend die eines Mannes ist- die eines „bösen Fremdtäters“ (und auch Täterbilder sind rassistisch und transfeindlich aufgeladen!)
Kleiner Vorgeschmack auf Texte, die wir interessant finden:
Mithu Sanyal (2016): Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens, Nautilus Flugschrift
Sina Holst, Johanna Montanari Hg. (2017): Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen; Edition assemblage
Tanja Schmidt (1996): „Auf das Opfer darf sich keiner berufen“. Opferdiskurse in der öffentlichen Diskussion zu sexueller Gewalt gegen Mädchen; Kleine Verlag
Betroffenenkontrollierter Ansatz; In: Prävention 4/2006; Zeitschrift des Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Jungen und Mädchen